Roman Mittermayr: “Die Rechnungen zahlt nur die Realität”

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Der gebürtige Oberösterreicher Roman Mittermayr ist aktuell als Gründer der Social Media-Tools Fruji und Buffergram bekannt, war davor aber mehrere Jahre bei Microsoft in Seattle tätig. Mittlerweile werkt und lebt der Unternehmer in London. Im Fillmore-Interview erklärt er, warum Startups ohne Kunden kein Startup sind. 

Deine Lieblings-App für den Arbeitsalltag?

Für den Arbeitsalltag gibt es wohl nur eine App die ich wirklich jede halbe Stunde im Blick habe, die gibt es jedoch nicht im Appstore: Mein Job besteht hauptsächlich darin, sicherzustellen, dass alle meine Produkte auch problemlos laufen und die Kunden keine Probleme haben. Und das auch, wenn ich unterwegs bin—auch ohne Laptop. Die App ist selbst gemacht, und ist im Endeffekt mein technisches Kontrollzentrum—ein Tool mit dem ich alle Probleme lösen kann. Ich seh ob sich größere Kunden angemeldet haben, oder ob irgendwo ein Arbeitsschritt schief gegangen ist; ich seh ob ein Server spinnt, oder ob eine Kreditkarte abgelehnt wurde. Und kann dementsprechend aus der App heraus alles korrigieren.

Ansonsten verwende ich die Apps für Dropbox, Outlook und Gmail fast jede Stunde. Unterwegs Citymapper—eine Stadt-Navigations-App die wirklich jeder hier in London auf seinem Handy hat.

Mein persönlicher App-Geheimtipp ist OneNote—wegen dem Offline Sync. Ich plane darin alle größeren Reisen, und alle Angelegenheiten die Organisation mit anderen Leute betreffen. Viel organisierter als Evernote, übersichtlicher, gratis, und wesentlich brauchbarer.

Mit welcher Persönlichkeit würdest du gerne ein Startup gründen?

Mit den Collison Brüdern Patrick und, John, die Gründer des Payment-Startups Stripe – eines der besten Produkte seit der Erfindung des Internets. Intelligent, jung, technisch sehr fähig, freundlich, greifbar, moralisch überdurchschnittlich gut orientiert—alles Eigenschaften die ich schätze.

In Österreich, schwieriger—aber wenn ich freie Wahl hätte: Ali Mahlodji (Whatchado), Sebastian Gruber (McKinsey), Julian Zehetmayr (Mobfox), Katharina Klausberger und Armin Strbac (Shpock), Thomas Schranz und Allan Berger (Blossom), Andreas Klinger (ProductHunt), Christian Lendl. Alles Personen, die sich schon als überdurchschnittlich fähig bewiesen haben—Menschen von denen ich zumindest viel lernen kann.

Was tust du, um produktiv zu sein oder deine Produktivität zu erhöhen?

Es gibt bei mir nur zwei Zustände: unglaublich motiviert, oder unglaublich unmotiviert. Wenn ich motiviert bin, versuche ich das halbwegs koordiniert auszuleben, um möglichst weit damit zu kommen. Hier wächst meine TODO-Liste mit jedem erledigten Task gleich um einen neuen, weiteren Task. Das nimmt kein Ende, zumindest so lange bis ich vom Computer weggezerrt werde, oder ich einfach nicht mehr sitzen oder tippen kann. Der absolut sichere Weg zum Mini-Burn-Out. Aber ich scheine mich meist über Nacht erstaunlich gut zu erholen.

Bin ich unmotiviert, kommen tatsächlich Rituale ins Spiel. Tipp eins kommt direkt von der Mama: Mach’ zumindest eine Sache, egal was—der Rest erledigt sich von selbst. Funktioniert tatsächlich auch in 99,9% aller Fälle. Keine Lust abzuwaschen? Ich zwinge mich zu einer Tasse, ich ende mit einer Abwaschsymphonie—selbes gilt für Inbox Zero.

Funktioniert der Tipp nicht, dann zwinge ich mich zur Routine. Kaffee aufsetzen, Fenster auf, weg vom Arbeitstisch mit einem Stift und einem Block. Jeden Tag dasselbe. Ich reisse einen neuen Zettel ab, da kommen maximal 10-15 Dinge drauf: MUST-DOs, SHOULD-DOs, und CAN-DOs. Dabei werde ich richtig psychologisch verwerflich mit mir selbst: schaffe ich die MUST-DOs nicht, sehe ich mich als der absolute Verlierer. Komplett unbrauchbar. Schaffe ich sogar die SHOULD-DOs, bin ich stolz auf mich, der TO-DO-Hygienefaktor ist balanciert. Schaffe ich die CAN-DOs, dann kommen die nicht-existenten Fans und klopfen mir alle auf die Schulter, Cheerleader tanzen, Kanye West gratuliert mir auf Twitter. Ich weiß, absurd.

Ist die Power komplett raus, das passiert alle paar Wochen mal, dann brauche ich ein paar Tage Auszeit und verschwinde mit meiner Freundin irgendwo an die Küste zum Angeln. Oder wir fahren wahllos durch Großbritannien—irgendwas ohne Startups, ohne Computer, ohne Twitter, ohne Pflichten.

Woraus besteht dein Arbeitsplatz, welche Essentials findet man auf deinem Schreibtisch?

Arbeitsplatz von Roman Mittermayr

Arbeitsplatz von Roman Mittermayr

Ein Stapel TODO-Listen, Stifte, ein Tablet, dass als eine Art Dashboard alle Informationen zu meinen Produkten anzeigt (und ich nicht mehr meine E-mail Inbox anfülle mit Statusinformationen). Kopfhörer—nicht um Ruhe zu haben, sondern um manchmal einfach komplett in der Musik zu verschwinden. Ein kleines transportables MIDI-Keyboard, wenn ich technisch einfach nicht mehr kann und Musik machen muss. Ein VoIP-Telefon das ich bei Umzügen immer mitnehme und einfach an meinen Router anstecke und so immer meine UK/US und AT Telefonnummer zum Ortstarif behalte. Ein Mikrofon, hauptsächlich für Voice-Overs. Mein geliebter Mac Pro.

Was stört dich am Unternehmertum am meisten?

Lean links, lean rechts. Lean oben, lean unten. Synergien, disruptive, game-changer, pipeline, NDA. Es ist eine Welt voll Schall und Rauch, viel träumen, wenig machen. Die meisten Startups haben ein Funding-Deck fertig bevor sie ihren ersten Kunden haben. Viele können Eric Ries’ Lean Startup rückwärts aufsagen, ohne je eine einzige Kreditkartenbuchung erledigt zu haben. Es ist gut, dass jeder unternehmerisch sein will—bitte mehr. Sich mit Informationen und Buzzwords einzurauchen ist alles total okay, aber man wird ohne Ergebnisse dann halt schnell nicht mehr ernst genommen. Du hast ein Startup? Hast du einen Kunden? Noch nicht? Dann hast du kein Startup.

Fast jede Woche kommt jemand mit einer neuen Idee, und die meisten Leute wissen, dass ich immer sehr ausführlich darauf antworte und versuche, mir wirklich Zeit zu nehmen—aber ich bin mittlerweile auch dementsprechend hart und verpasse nicht zu sagen: Kein Kunde, keine Chance. Egal wie gut die Idee ist, wenn kein Kunde da ist, ist die Idee aktuell einfach nichts wert. Kein Prototyp und kein Kunde? Zurück an den Start. Ein Kunde kann auch ohne Bezahlung existieren, hier beeindruckt mich aber nur der aktive, regelmäßige User.

Ich verstehe schon, dass es derzeit absolut cool ist, irgendwie in der Startup-Welt involviert zu sein. Aber am Ende des Tages geht es hier ausschließlich um unternehmerisches Handeln, nicht nur davon zu träumen. Die Rechnungen zahlt nur die Realität (vielleicht ein verwirrter Investor)—das scheinen die meisten nicht hören zu wollen—die Gentrification des Unternehmertums, mit allen guten und schlechten Seiten. Früher war es absolut nicht besser, der Fortschritt tut wirklich gut, aber jetzt ist es schon ein wenig peinlich geworden. Ich selbst bin ja fast beleidigt wenn jemand fragt, wie es mit ‘meinem Startup rennt’—es läuft seit über 4 Jahren—ich bin nicht wirklich sicher ob das ein Startup ist.

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About Author

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

1 Comment

  1. Danke !

    … Roman Mittermayr: sehr feine Antworten und ohne Ihre Produkte / Unternehmen zu kennen, wenn die nur 1/2 so gut wie Ihre Einstellungen sind, dann sollte ich mir – falls ich Social-Media-Tools brauche – diese anschauen.

    … Elisabeth Oberdorfer: für Fillmore und die vielen interessanten Geschichten

    #FanboyMartin

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