Jochen Wegner: “Journalismus für das iPhone”

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Auf mobilen Kanälen verdient die Zeit Online kein Geld. Dennoch ist es für Chefredakteur Jochen Wegner derzeit die wichtigste Baustelle. Bei der Interactive West in Dornbirn erklärte er, wie das deutsche Wochenmagazin im Digital-Bereich auf innovative Konzepte setzt. 

Projektmanagement für Redakteure

“Alle Thesen zur Medienzukunft sind falsch”, betonte Jochen Wegner zu Beginn seiner Keynote bei der Interactive West. Der Zeit Online-Chefredakteur sprach bei der Digital-Konferenz von Russmedia Digital in Dornbirn am 23. Oktober über Innovation bei seinem Medium und Chancen für die Zukunft. “Die Zukunft kann nicht gegooglet werden, die Zukunft ist schon lange”, lauteten seine einleitenden Worte.

In seiner Redaktion versucht er seinen Erzählungen nach alles, um das auch im Alltag spürbar zu machen. Die Redakteure und Entwickler des Online-Teams arbeiten nach dem Projektmanagement-Prinzip Scrum: “Wir überlegen uns, was wir in zwei Wochen online haben wollen. Dann machen wir uns an die Arbeit.” Große Pläne und lange Pflichtenheften brauche es in einem dynamischen Medium nicht mehr, so Wegner. Auf diesem Wege entstanden bereits einige interaktive Features auf dem Nachrichtenportal. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin veröffentlichte Zeit Online das Dossier “Ostdeutsche – Tu’ nicht so, als sei alles in Ordnung.” Dazu sammelte die Redaktion nicht nur Essays von Ostberlinern, sondern zeigte in interaktiven Grafiken auch die Unterschiede zwischen Ost und West auf. Das Thema kam bei den Lesern so gut an, dass das Nachrichtenmedium laut Wegner sogar eine Konferenz dazu plant.

User durch den Inhalt leiten

“Digital müssen Daten so aufbereitet sein, dass der Nutzer durchgeleitet wird”, empfiehlt der Online-Manager für journalistische Arbeiten im Netz. Als gelungenes Beispiel nennt er das mittlerweile zwei Jahre alte Feature “Snowfall” der New York Times. Was Projekte wie diese in Redaktionen ermöglicht, sei agiles Arbeiten – oder auch “durchwursteln”, wie der Chefredakteur es nennt.

Dieses dynamische Arbeiten machte die Redaktion auch in der Not erfinderisch. Auf Facebook veröffentlicht die Zeit regelmäßig einen Nachrichtenüberblick. “Das haben wir ursprünglich gemacht, weil unser Redaktionssystem an einem Wochenende streikte”, erinnert sich Wegner. Das Posting erreichte jedoch so viel User Engagement, dass das Social Media-Team ein eigenes Format daraus machte. Den Redaktionschef spornte der Erfolg an, sich umfassend mit Facebook zu beschäftigen: “Als ich Anfang 2013 zur Zeit kam, liefen die Social Media-Kanäle nebenbei mir.” Erst als sich die Redakteure dem Thema aktiv annahmen, schnellte die Reichweite auf Facebook in die Höhe.

Cards-Struktur für News

Aktuell ist für Wegner Mobile ein wichtiger Kanal. Hier verdient die Zeit, wie die meisten Nachrichtenmedien – kein Geld. Doch der Online-Leiter hat Hoffnung. Auf mobilen Endgeräten sollen Monetarisierungsstrategien gefunden werden, die schließlich den Journalismus sichern. “Wir machen Journalismus für das iPhone”, kündigt Wegner an.

Die nächste Version der iPhone-App soll etwa die Nachrichteninhalte in einer Kartenstruktur anzeigen. Die “Cards”-Aufbereitung verwenden bereits junge Medienunternehmen aus den USA wie Vox und Circa. Dabei werden die News und Hintergrunddetails häppchenweise aufbereitet.

Upworthy als Vorbild

Und noch ein Konzept schaut Wegner sich von einem Medien-Startup ab: “Von Upworthy können wir viel lernen”, sagt der ehemalige Chefredakteur von Focus Online über das Portal, das für seine mit provozierenden Headlines versehenen Viral-Videos bekannt ist. Wie Journalismus gemacht wird, brauche sich eine große Medienmarke wie die Zeit nicht ansehen, allerdings wie Informationen im Netz verbreitet werden. Der Digital-Experte kündigt deshalb für nächstes Jahr ein Projekt an, das “von Upworthy inspiriert ist”. Auf der Leinwand zeigte Wegner davon nur ein Vorschau auf das Logo: ein simples “Z”.

Zwar zeigte sich der Zeit Online-Chef insgesamt optimistisch gegenüber den aktuellen Entwicklungen in der Medienlandschaft. Er warnte jedoch: “Der Journalismus ist in Gefahr”, wenn sie Medienhäuser nicht um das Thema Innovation kümmern.



Dieser Artikel erschien in gekürzter Form in der aktuellen Ausgabe des MedienManagers.

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

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