Medien-Geschäftsmodell: Experimentieren

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Während das tradierte Mediengeschäft immer noch fieberhaft nach der Killer-App für sein Business sucht, spielt sich die Tech-Branche im Silicon Valley mit neuen Plattformen und Modellen – mit erstaunlichem Erfolg. 

Besitzerwechsel

Die Boston Globe geht für 70 Millionen US-Dollar an den Besitzer der Red Sox, John Henry. Amazon-Gründer Jeff Bezos schnappt sich die Washington Post für 250 Millionen US-Dollar – weniger als ein Prozent seines Vermögens. Während essen geht die Blogging-Plattform Tumblr für 1,1 Milliarden US-Dollar an Yahoo – bei einem vergleichsweise mageren Umsatz von 13 Millionen US- Dollar im Jahr 2012. Von diesem Groß- geschehen unabgelenkt bauen viele kleine Unternehmer im Silicon Valley Nischenmedien zu profitablen Unternehmen auf. Alles Gründe, warum traditionelle Medienhäuser in den ver- gangenen Monaten nervös geworden sind. Axel Springer schickt Topmanager für ein Sabbatical ins Silicon Valley, die New York Times zieht sich im Accelerator-Programm timeSpace Start-ups hoch. Werden Technologieunternehmen künftig den Ton in der Medienwirtschaft angeben?

So ähnlich sieht es zumindest Corey Ford, Manager des Start-up-Accelerator-Programms Matter.vc in San Francisco. Er selbst war jahrelang als TV-Journalist tätig – „ich hatte wahrscheinlich den besten Journalistenjob der Welt“ –, vor einigen Jahren zog ihn der Innovationsflair im Silicon Valley an. „Technologie ist mittlerweile in jeder Branche stark vertreten. Und Tech bestimmt in Zukunft, wie wir Content produzieren und vertreiben“, prognostiziert der Medienexperte.

„Die Gewinner werden die sein, die geschickt sind“

Bei Matter.vc werden Start-ups unterstützt, die Lösungen für Medienunternehmen bauen. Im ersten Jahrgang arbeiteten Jungunter- nehmer unter anderem an Video-Software und Tablet-Readern. Durch das Programm steht Ford im engen Kontakt mit Medienma- nagern, um deren Bedürfnisse zu erkennen. Die größte Herausforderung für klassische Verleger: „sich von ihrer alten Kultur zu trennen und neue, disruptive Perspektiven zuzulassen“. Die Medienmanager von heute müssten „rasch reagieren, schnell experi- mentieren und sich ständig weiterbilden“, empfiehlt Ford. Diesen Spirit finde man bei den Menschen, die Silicon Valley anzieht, eher – weshalb die Tech-Branche immer mehr die Medien beeinflusst. „Die Gewinner werden die sein, die geschickt sind“, meint der Matter.vc-Betreiber.

Webnische: investigativer Journalismus

In San Francisco wurde auch eines der ersten Online-only-Magazine gegründet: Salon.com ist seit 1995 online und hat sich mit seinen politischen und investigativen Reportagen einen Namen gemacht. Die Wirtschaftskrise machte jedoch auch vor Internetmedien nicht halt, und so kämpfte Salon in den vergangenen Jahren mit sinkenden Zugriffen, weniger Ad Sales und musste infolgedessen die Belegschaft kürzen. Im Frühling kam Cindy Jeffers als CEO und CTO an Bord, vormals Technology Director der Huffington Post. Seither hat sich viel getan: „Wir haben uns auf unsere wichtigsten Kompetenzen konzentriert: Content, den unsere Leser lieben. Dazu haben wir sehr viele technische Updates entwickelt, die User Experience massiv verbessert und an der Mobile-Front gearbeitet“, fasst die Geschäftsführerin zusammen. Durch all diese Maßnahmen konnte Salon den Abwärts- trend umkehren und die Reichweite auf mehr als 40 Millionen Unique Users ver- doppeln, berichtet Jeffers. Gerade soziale Plattformen und mobile Kanäle seien für das Web-Magazin immer wichtiger. „Der Medienkonsum wird immer omnipräsenter. Darauf müssen sich Publisher einstellen“, betont die Salon-Chefin.

Rasches Wachstum zeigen derzeit vor allem Portale, die schnell rezi- pierbare und virale Inhalte publizieren. Das Start-up Upworthy baute mit optimierten Headlines innerhalb eines Jahres eine Leserschaft von 26 Millionen Unique Users auf. Jeffers beunruhigt das nicht: „Es wird immer Platz für lange Formate geben. Unser Ziel ist es, dass der Leser sich smarter fühlt.“ Die Hoffnung hat auch Start-up-Berater Ford: „Der Trend geht tatsächlich zu leicht verdaulichen Inhalten. Mit neuen Technologien wird sich aber auch die journalistische Bericht- erstattung weiterentwickeln.“ Der renommierte Medienprofessor und Autor Dan Gillmor beschwichtigt: „Diese Publikationen sind nichts anderes als die Boulevardzeitungen unserer Zeit. Sie werden immer gegenwärtig sein.“

Spielwiese Washington Post

Schwer abzuschätzen sei, wie sich Eigentümerwechsel auf die Qualität der Medien auswirkt: „Ich sehe definitiv eine Entwick- lung, dass immer mehr vermögende Personen in Verlagshäuser investieren und diese übernehmen. Ich hoffe, dass Jeff Bezos seine Digital-Kompetenz bei der Washington Post einbringt und ein Lab für neue Experi- mente aufbaut“, analysiert Gillmor. Der Deal des Amazon-Gründers sei jedenfalls begrüßenswert. Dem stimmen auch Jeffers und Ford zu. „Silicon Valley bietet sich als Innovationsstandort für die Post an, Bezos kann mich gerne anrufen“, so Ford.

Ein für alle neuen Medien funktionieren- des Geschäftsmodell, wie es jahrzehntelang der Anzeigenverkauf war, sehen alle drei Branchenvertreter nicht. „Derzeit sind Anzeigen noch unsere wichtigste Einkommensquelle, wir experimentieren aber mit neuen Modellen“, lässt Salon-Managerin Jeffers anklingen, verrät aber noch nicht, welche. Für Ford von Matter.vc lautet die Erfolgsformel: „Experimentiere, sei flink und habe keine Angst vorm Scheitern.“

(Artikel erschienen in Horizont Bestseller 7-8/2013)

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About Author

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

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