Die Sache mit den Startups und dem Journalismus

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Eine persönliche Erklärung, warum es in den vergangenen Wochen immer ruhiger auf Fillmore wurde. 

Ich befinde mich in einer Sinnkrise. Angefangen vor zwei Jahren, hat sie heute ihren vorübergehenden Höhepunkt erreicht. Als ich zurück nach Europa gezogen bin, habe ich mich in meiner Berichterstattung über Technologie und Startups immer mehr mit dem österreichischen Markt beschäftigt. Das hat mir so viel Energie gekostet, dass ich (und wir bei Fillmore generell) mich mittlerweile jeden Tag frage, warum ich überhaupt noch über diese Szene berichten soll. Denn es ist schwer, vor einer Branche Respekt zu haben, die deine Rolle als Journalistin in dem System nicht respektiert.

In meiner Zeit als Innenpolitikredakteurin bei derStandard.at habe ich gelernt, zu hinterfragen und nicht einfach wiederzugeben, was die Systemteilnehmer sagen. Das mache ich auch bei meinen Berichten über das Silicon Valley, und auch bei meinen Berichten über die österreichische Startup-Szene. Und noch nie habe ich so viele Interventionen erlebt wie in den vergangenen zwei Jahren.

Die Vorwürfe reichen von konstruktivem Feedback bis zu Dingen, die man schon als Rufschädigung einstufen kann. Es heißt, ich rede alles schlecht. Ich bin ja nicht Teil der Community, warum schreibe ich überhaupt darüber. Ich mache das nur aus PR-Gründen. Männer, die sechs- bis siebenstellige Beträge aufstellen und davon mit stolzer Brust auf Bühnen erzählen, lassen ihre mimimimimimi-Befindlichkeiten per Email oder Telefon aus.

Ich will nicht alles schlecht reden, aber ich will aufzeigen, was im System nicht richtig läuft. Kollegen, die die Startup-Szene schön schreiben, gibt es genug. Ich bin nicht Teil der Community, weil ich über die Menschen, über die ich berichte, nicht befreundet sein will. Würde ich etwas aus PR-Gründen machen, dann nicht etwas, wofür ich ständig Prügel bekomme. Aus Silicon Valley, Berlin und Tel Aviv (wo ich noch nie war!) erhalte ich mehr Einladungen als in Österreich. Den schönschreibenden Kollegen geht’s sicher besser als mir. Diese Männer, die mich angreifen, sind sozial und rechtlich hundertfach besser abgesichert als ich – weshalb ich mich frage, wovor sie so Angst haben (und als journalistische Reaktion darauf noch tiefer grabe)

Feedback sauge ich auf wie ein Dyson – und auch wenn ich versuche, nur Konstruktives aufzunehmen, bleibt viel von dem Hass, der mir entgegenkommt, hängen. Das hat besonders in den vergangenen eineinhalb Jahren dazu geführt, dass ich immer stärker an mir und meinen Plänen (unter anderem für Fillmore) gezweifelt habe und zurückgezogen habe. Nur langsam kämpfe ich mich gerade aus dieser Abwärtsspirale wieder raus.

Was die kritische Startup-Berichterstattung so schwer macht, ist meine Existenz als freie Journalistin. Ich habe kein großes Medienhaus, das mir den Rücken stärkt und keine Redaktion, bei der ich mich auskotzen kann, wenn ich beleidigende Nachrichten bekomme. Viele Informationen und Geschichten veröffentliche ich aus diesen Gründen nicht. Wenn ich austeile, muss ich natürlich auch einstecken können, aber das Kommunikationsniveau mancher Leute macht das echt schwer. Es gibt aber gottseidank Redaktionen, die den kritischen Berichten Platz bieten (aktuell hier), und Kollegen, bei denen ich mich auch so auskotzen kann (danke dafür <3).

Mein Anspruch an Fillmore ist es, originäre Inhalte zu liefern und nicht einfach das veröffentlichen, was die Startup-Menschen gerne selbst über sich lesen würden. Das machen andere Medien sehr gut und dieses Alleinstellungsmerkmal möchte ich nicht aufgeben. Man kann jedoch nur irrsinnig schwer wachsen, wenn man von Systemteilnehmern bewusst ignoriert oder sabotiert wird. Anzeigenkunden werden wir in der kritikmeidenden Gründerszene Österreichs wohl keine finden. Mit diesen Umständen könnte ich leben. Was mich aber stört, ist der unreflektierte Goldrausch und alles, was er mit sich bringt.  Unter anderem, dass kritischer Journalismus nicht respektiert wird. Manchmal sehne ich mir die Zeit als Innenpolitikjournalistin zurück, wo die Systemteilnehmer sich der Rolle der Reporter bewusst sind. Vielleicht will ich am System Österreichische Startups erst wieder teilnehmen, wenn alle erwachsen geworden sind und sich besinnen.

Teresa und ich haben in den vergangenen Monaten immer wieder darüber diskutiert, wie wir thematisch weitermachen wollen. Für mich ist klar, dass ich dem österreichischen Markt auf diesem Portal nicht mehr viel Platz bieten will (zumal wir auch eine große Leserschaft außerhalb Österreichs haben). Kritische Startup-Berichterstattung werde ich wahrscheinlich trotzdem aus ideologischen Gründen bei Medien, die sie begrüßen und mir dabei den Rücken stärken, veröffentlichen.

Abschließend ein Auszug aus der Definition von Journalismus (meines Professors Roman Hummel), den ich vor allem den Startup-Menschen unter unseren Lesern mitgeben möchte:

„Medienbetriebe sind ausschließlich Institutionen, deren primärer Zweck darin besteht, aktuelle Informationen an prinzipiell jeden, der sich dafür interessiert, zu verbreiten. Sind diese Nachrichten hingegen nur ein Mittel, um andere Zwecke zu erfüllen – etwa den Wartenabsatz zu fördern, wie bei der Werbung oder das Image einer Institution zu verbessern, wie etwa bei Öffentlichkeitsarbeit – handelt es sich nicht um einen Medienbetrieb; bei der entsprechenden Tätigkeit daher auch nicht um Journalismus.“

Nachtrag: Ich habe vergessen, die wunderbaren Menschen in der Startup-Szene zu erwähnen. Es gibt tatsächlich auch Gründer und Investoren, die eine kritische Berichterstattung schätzen und auch damit umgehen können, wenn ich Negatives über sie schreibe. Für solche Leute lohnt es sich, dran zu bleiben.

Nachtrag 2 für alle die das hier hate-readen und noch immer glauben, ich mache das wegen der Kohle: Nein. Das Honorar, das ich für investigative Beiträge erhalte, kompensiert nie die Recherchen, unangenehmen Mails und Telefonate und dezenten Zukunftsängste nach der Veröffentlichung.

Frage: Worüber würdet Ihr bei Fillmore gerne lesen? Wir freuen uns auf Input und Inspirationen!

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

8 Comments

  1. Thomas Berndorfer

    June 20, 2016 at 10:29 am

    Hallo Frau Oberndorfer, vielen Dank für Ihren Artikel 🙂 der hat mir gut gefallen 🙂 Die VC Szene in A ist wirklich sehr “lieb” in ihrer Kleinheit und übertriebenen Egoproblemen, weil sie leider ja auch kaum ein Geld bewegen können und leider auch lokal denken. Als SV Veteran 🙂 und nicht VC Inanspruchnehmer, versuche ich auch immer auch die andere Seite zu beleuchten, was halt in Ö nicht so gerne gesehen wird. Also-weitermachen und zwar kritisch, denn Me Too Schreiber gibt es ja viel zu viele.

  2. Daniel Eberharter

    June 20, 2016 at 2:30 pm

    Liebe Frau Oberndorfer, vielen Dank für diesen ehrlichen Artikel. Ich möchte nur eines sagen: Ja nicht unterkriegen lassen und/oder den Mund verbieten lassen, es gibt viele in der Szene, die euch unterstützen! Weiter so!

  3. OliverG

    June 20, 2016 at 10:08 pm

    Minimaler Typi: Warten Absatz statt Waren Absatz. Weitermachen 🙂

  4. Peter Jebsen

    June 21, 2016 at 12:19 am

    Re: “Nachtrag 2 für alle die das hier hate-readen und noch immer glauben, ich mache das wegen der Kohle: Nein. Das Honorar, das ich für investigative Beiträge erhalte, kompensiert nie die Recherchen, unangenehmen Mails und Telefonate und dezenten Zukunftsängste nach der Veröffentlichung.”

    Moooment … du bist doch Journalistin. Natürlich macht man seinen Job für Geld, wenn man nicht unabhängig reich ist! 😉

  5. Sabine Fellner

    June 21, 2016 at 8:27 am

    Danke für den aufschlussreichen Artikel! Er zeigt auf, was ich in Österreich generell schmerzlich vermisse: eine Diskussionskultur, zu der eben auch kritische Berichterstattung gehört. Stattdessen reagiert man(n) beleidigt. Das Selbstvertrauen scheint in diesen Fällen ein sehr kleines zu sein.
    Bitte weitermachen! Ich für meinen Teil finde die Aufbruchsstimmung im Start Up Bereich sehr gut, habe aber keine Lust auf weichgespülte Quasi-PR-Artikel, die nichts in Frage stellen.

  6. Volker

    June 21, 2016 at 1:59 pm

    Was ich schon seit längerem schade finde: es gibt so viele Unternehmensgründungen in Österreich, die nicht in die klassische Start-Up Denke – also Idee möglichst schnell um Millionen verkaufen – fallen. Natürlich, jene Unternehmen die den Weg mit schnellem VC beschreiten und rasch verkaufen möchten, brauchen auch diese ganze PR. Deren Business Modell ist aber häufig eben nicht auf das Produkt und den Markt fokussiert, sondern auf die Verkaufbarkeit des Unternehmens ausgelegt. Ein Konzept, welches ein halbwegs anständiges Produkt, vor allem aber Kundendaten, als Mittel zum Zweck sieht. Kundendaten werden nicht aufgebaut, um den Kunden am besten zu servicieren – sondern um das Unternehmen möglichst teuer verkaufen zu können. Am besten gleich nach 2-3 Jahren, im Idealfall um 100erte Millionen.

    Diese Geschäftsmodelle wandern beim Verkauf dann gerne von Österreich ab, vielleicht bleiben ein paar Arbeitsplätze noch ein paar Jahre erhalten, aber langfristig ist die Idee dann bei einem internationalem Konzern im Ausland.

    Für die USA mag das ein sinnvolles Konzept sein, denn im Silicon Valley oder zumindest den USA bleiben auch viele Ideen. Für Österreich sehe ich das kritisch. Warum sollte ein Start-Up das nur zum Kern hat, schnell ins Ausland verkauft zu werden, bessere Förderungen, Geldmittel und auch PR bekommen, als der junge Tischler ums Eck der einen Betrieb mit langfristig 10 Mitarbeitern in der Region aufbaut.

    Oder wie unser Kanzler Kern es auch dargestellt hat: warum sollte Google weniger steuern in Österreich zahlen, als der Wirt in Radenthein.

    Ich möchte nicht das Ideenreichtum und Entrepreneurship hier angreifen, das ist ein wichtiges Element der Wirtschaft. Aber der derzeitige Fokus bei vielen oft publizierten und interviewten Gründern liegt halt im Ziel des kurzfristigen Gewinnes und nicht im langfristigen Unternehmertum. Gerade ganz Große wie Google, Microsoft und Facebook zeigen aber, dass wirkliche Unternehmer nicht gerne sofort verkaufen, sondern lieber das eigene Unternehmen groß werden sehen.

    Lange Story kurzer Sinn: Wirtschaft ist viel mehr als nur Startups. Warum nicht auch stärker über volkswirtschaftliche Themen schreiben, auch über Wirtschaftspolitik. Und natürlich mit Lifestyle verknüpfen.

    Ich habe mich z.B. gestern in das Thema Grundeinkommen eingelesen, die Schweiz hat ja kürzlich darüber abgestimmt. Ein höchst spannendes Thema was Lifestyle mit Wirtschaft verbindet und wo man einige Leute gut interviewen könnte.

    Warum auch nicht ein wenig stärker europapolitische Themen? Zumindest wenn sie in das Konzept Wirtschaft & Lifestyle passen.

    Klar, dann müsste mehr über Werbung gehen denn direktes Sponsoring auf die Artikel wäre bei allgemeinen Wirtschaftsthemen eher schwierig.

  7. Rainer Dechet

    June 21, 2016 at 6:01 pm

    Hi Elisabeth,

    das Problem mit den “Startup in AT bzw DACH” ist, dass sie halt (derzeit und sicher noch länger #DankeBK) “so cool” sind. Ich empfehle Dir nicht nur weiterzumachen, sondern gar ein paar Stufen / Intervalle rauf zu schalten. Euer Income-Channel könnte zB eine gebührenpflichtige Hotline sein. #GuteStory OldSkool Journalismus hin oder her, Aufdeckerjournalismus (insbs. was am DACH bei den Wannabees v. VC, BA, CEOs, Klickfarm Abonne(n)tten so ab geht) hat mehr Power (Klicks) und “Wert”. Ein stiller Fan 😛

  8. Andreas Ostheimer

    June 21, 2016 at 6:46 pm

    Schade drum, ich würde mir einen kritischen Bericht lieber wünschen als gar keine Berichterstattung. 😉

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