Was ich in einem Jahr in San Francisco gelernt habe

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Im März 2013 habe ich mir einen acht Jahre alten Traum erfüllt und bin nach San Francisco gezogen. Das habe ich daraus gelernt:

Ich war zu früh dran

Als ich den Entschluss fasste, meinen Job zu kündigen, um als freie Korrespondentin an der US-Westküste zu arbeiten, sprach ich mit einigen potenziellen Auftraggebern. Die waren skeptisch. Die Relevanz von Silicon Valley war in Österreich noch nicht sichtbar. Und natürlich war absolut kein Geld für freie Mitarbeiter da. Ich ließ mich davon nicht abhalten – in der Erwartung, dass früher oder später auch Europa bemerkt, wie wichtig die Wirtschaftsregion ist. Gottseidank ist Deutsch eine weit verbreitete Sprache. Den Kollegen aus dem Norden musste ich  nicht erklären, warum es wichtig ist, hier zu sein. Heute hat sich einiges geändert. Auch österreichische Medien sehen, dass der Tech-Boom hier noch eine Weile andauern wird.

Freier Journalismus ist ein Startup

Mein Job besteht daraus, Buchstaben in eine sinnvolle Reihenfolge zu setzen. Das mag zwar unhipper klingen als die nächste Killer-App, am Ende des Tages ist es aber ebenso ein Geschäft. Ohne große Medienmarke im Rücken war und bin ich eine Einzelkämpferin, die selten ganz oben auf der Presseliste steht. Mit dem Einstieg in den freien Journalismus stand ich vor ähnlichen Herausforderungen wie klassische Startups: Unternehmensgründung, Bootstrapping, ein neues Netzwerk in einer neuen Stadt aufbauen. Startups erzählen mir immer, wie hart es hier ist. Als Freie ohne großen Auftraggeber hier zu sein, das verstehen meist nur Menschen in ähnlichen Situationen.

…und dann aber auch nicht

Was freie Journalisten von Startups unterscheidet: Wenn wir pitchen, tun wir das zumeist nur einer Einzelperson gegenüber, per Telefon oder Mail. Meine Absagen sind nicht so öffentlich wie die mancher Startups, die vor einem 500-köpfigen Publikum stehen und dort ihre Idee präsentieren. Außerdem beneide ich Unternehmer nicht um den Druck, den sie von den Investoren bekommen. Ich erhalte zwar geringere Summen als Startups, dafür muss ich auch nicht an so vielen Türen klopfen.

Innovation auf dem zweiten Blick

Die San Francisco Bay Area und Silicon Valley sind wahrscheinlich die progressivsten Orte der westlichen Welt. Dennoch: Wenn ich die Worthülsen streiche, die “Entrepreneurs” hier gern verwenden, bleiben selten innovative Inhalte übrig. Meiner Beobachtung nach ist das, was hier passiert, zu 80 Prozent nur ein Hype, “Tech for tech’s sake”. Die anderen 20 Prozent sind jedoch so revolutionär, dass sie den Spirit mitziehen und eine Kultur schaffen, in der Innovation florieren kann.

Innovativ finde ich aber in den meisten Fällen – auch bei den Worthülsen-Startups – wie Teams arbeiten, Dinge umgesetzt werden und die Organisation neu überdacht wird. Die neuen Arbeitskonzepte sind eine Innovation für sich, obwohl in der Community schon ganz normal. Wenn es kaum eine Technologie schafft, sich außerhalb der Grenzen Silicon Valleys zu verbreiten, dann zumindest der Unternehmensspirit.

Ich bin nicht Teil der Tech-Crowd

Ich bin hierher gezogen, weil mein Herz für ein paar Sekunden stehen bleibt, wenn ich in die Bay blicke. Meine Liebe für diese Stadt ist die eigentliche Motivation, warum ich hier bin. Dass ich mich zufällig seit Beginn meiner Karriere auf das Digital-Geschäft konzentriert und in den letzten Jahren als Fachjournalistin etabliert habe, war nur ein angenehmer Umstand. Und obwohl ich mittlerweile viele Menschen in der Tech-Branche kenne und schätze, so sehe ich mich auf einer Meta-Ebene. Zum Teil liegt das an meiner Rolle als Journalistin, zum Teil auch an meiner privaten Lebenssituation. Ich muss nicht auf jeden Startup-Mixer und jede Launch-Party gehen.

Es gibt mehrere Silicon Valleys

Wenn ich in europäischen Medien über Silicon Valley lese, frage ich mich manchmal, ob ich in einem anderen lebe. Meine Wahrnehmung ist eine ganz andere. Neben der Tech-Branche beschäftige ich mich hier vor allem mit den gesellschaftlichen Aspekten und Herausforderungen. Solche Themen haben oft keinen Platz, wenn über die Tech-Metropole berichtet wird. Und auch Unternehmer, die hier von ihren Firmen hergeschickt werden oder mit ihren Ko-Gründern herkommen, haben eine ganz andere Wahrnehmung, weil sie in ein anderes Ökosystem rutschen als Journalisten. Außerdem sehe ich San Francisco aus den Augen meiner Freunde, die hier seit Ewigkeiten leben und nicht mit Tech ihr verdienen. Ich selbst wünsche mir oft die Stadt im Jahr 2005 zurück, als ich mit 21 hier war. Gerade im aktuellen Klassenkampf der Stadt sympathisiere ich aufgrund meiner sozialen Situation mit jenen, die sich die Tech-Kids wegwünschen.

Im Silicon Valley ist der Glamour verpixelt, habe ich für Curved geschrieben. Um das Gesamtbild zu verstehen, braucht es wahrscheinlich Jahre. Meine Perspektive ist wahrscheinlich auch dadurch geprägt, dass ich in San Francisco eine richtige Mietwohnung gesucht habe. Am härtesten Immobilienmarkt der USA als Freelancer ohne geregeltem Einkommen und mit limitiertem Budget ist es für mich heute noch unfassbar, dass ich einen Super-Deal gefunden habe – allerdings nach Wochen der Suche, die sich zum Vollzeitjob entwickelt hatte.

Das nächste große Ding sind viele

Von Auftraggebern, Kollegen und Interessierten werde ich oft gefragt, was hier der nächste große Hype ist. Diese Frage leite ich gerne an Investoren weiter und höre zumeist Enterprise und Cloud – zwei Segmente, in denen für Kapitalgeber viel Geld liegt, im Gegensatz zum Consumer-Markt. Was ich in den vergangenen Monate beobachtet habe ist, dass es hier viele spannende Themen gibt, von denen niemand so genau abschätzen kann, was den Rest der Welt erreichen wird oder eine Industrie wachrütteln. Das bestätigt auch die renommierte Journalistin Kara Swisher.

… Auch Erfolgsmodelle gibt es viele

Europäer blicken in Schockstarre in den Westen und warten darauf, dass Silicon Valley ein Geschäftsmodell entdeckt, das Erfolg garantiert (Looking at you, Medienbranche). Das gibt es jedoch in keiner Industrie. Monetarisierung spielt in Tech-Unternehmen erst in einer späteren Phase eine Rolle. Und ist es soweit, funktionieren unterschiedliche Modelle für unterschiedliche Unternehmen. Kombinieren, variieren, experimentieren und bei Misserfolg noch einmal von vorne anfangen, ist wohl die einzige Methode, die man hier als Erfolgsmodell bezeichnen kann.

Such’ Deine Peer Group

Wer hier nicht mit seinem Startup, als arbeitssuchender Entwickler oder mit seinem Partner herzieht, einen fixen Arbeitsplatz hat oder zum Studieren kommt, ist erst einmal allein. Wer Ende 20 ist, Freelancer ohne soziales Umfeld und nicht auf Partnersuche, für den ist es schwieriger, Anschluss zu finden. Ich habe mich dann selbst gefragt, welche Leute ich gerne kennenlernen würde, und diese direkt angeschrieben. So sind gute Bekanntschaften und Beziehungen entstanden. In Österreich wäre ich nie auf die Idee gekommen, Menschen ohne Agenda nach einem Treffen zu fragen. Hier war es eine Notlösung.

Es ist okay

Für mich war dieses Jahr auch eine kleine Pause, um über die ersten 29 Jahre meines Lebens zu reflektieren. Ich habe Leidenschaften wiederentdeckt, die ich in den vergangenen Jahren vergessen habe – weil ich dachte, sie machen keinen Sinn in meinem Leben. In Summe habe ich mich wahrscheinlich viel mehr mit diesen Themen in den vergangenen Monaten auseinandergesetzt als mit der Tech-Branche. Und das ist gut so. Ich werde oft gefragt, ob ich nicht in einem Startup arbeiten will. In dem einen Jahr habe ich aber gemerkt, dass Geschichten erzählen und Wissen vermitteln nach wie vor meine größte Stärke sind. Wenn du eine Leidenschaft hast, dann findest du auch einen Weg, davon zu leben, habe ich hier gelernt. Eine dieser Leidenschaften ist Fillmore.

Mehr als einmal in der Woche frage ich mich, warum ich mir die soziale Unsicherheit, das Risiko und das Zurückstecken des Privatlebens denn antue. Dann gehe ich einen Block rauf zur Grace Cathedral, blicke auf die Bay Bridge und mein Herz bleibt für ein paar Sekunden stehen.

Bei Inside gebe ich jede Woche Einblick in den Fortschritt von Fillmore. 

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

5 Comments

  1. or

    March 14, 2014 at 11:10 am

    Liebe Elisabeth,

    ich finde es super, dass Du Deinen Traum verwirklicht hast. Auch die Idee, sich nicht mit einem Tekki-Blick mit dem Silicon Valley Themen zu beschäftigen, finde ich gut. Aber könntest Du mir einen Punkt noch etwas erläutern? Und zwar geht es um Deinen Einstieg in diesen Artikel, 2013 und “zu früh”. Seit spätestens 1970, Gründung des Xerox PARC, ist die weitere Bay Area DAS technologische Zentrum der Welt. Gerade, was die Ideen angeht. Ich hatte die Möglichkeit, mich mit Allan Kay zu unterhalten. Was die Jungs schon damals gedacht haben ist unvorstellbar. 1970 wärst Du für Europa sicherlich zu früh dran gewesen. Aber 2013? Ich war 10 Jahre lang bei bei der New Economy Blase um das 2000 selbst mitten drin. Nicht im Silicon Valley, aber mitten in der Blase ;-). Wie kann man da heute noch von “zu früh” reden?

    Ich würde mich sehr freuen, wenn Du das etwas erläutern könntest.

    Liebe Grüße aus dem derzeit sonnigen Mitteleuropa,

    Oliver

    • admin

      March 14, 2014 at 2:10 pm

      Hallo Oliver,

      Ja ich weiß, ich war nicht früh dran 🙂 Aber die meisten Medien haben nicht gesehen, was wirklich hier los ist und dachten bzw denken nach wie vor, dass sie niemanden brauchen, der vor Ort ist und berichtet.

  2. Andreas Lindinger

    March 14, 2014 at 12:06 pm

    Toller Text, vor allem auch der Satz “Wenn du eine Leidenschaft hast, dann findest du auch einen Weg, davon zu leben, habe ich hier gelernt.” und der Schluss-Absatz! Weiter so!

  3. Pingback: Weekly Leseempfehlung vom 14. March 2014 | off the record

  4. Pingback: Suffar

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