Warum Fillmore still steht

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Uns gibt’s noch, irgendwie. Und irgendwie geht’s nächstes Jahr auch wieder weiter. 

Am 18. August nahm ich in einem Hotelzimmer ein Pitch-Video für Fillmore auf. Ich überlegte seit Wochen, mich für das Creative Media Entrepreneurship der Creative Region zu bewerben, hatte aber Zweifel, dort eine Chance zu haben. Am letzten Tag der Einreichfrist erzählte ich erst meinem Partner davon, der mich schließlich drängte, den Pitch einzureichen.

Wenige Tage später bekam ich die Zusage dafür und ich fühlte mich erstmals seit langem bestätigt, dass Fillmore als Medienplattform doch Potenzial hat. Ich hatte große Pläne, die ich in den ersten beiden Workshops des Programms schmiedete. So groß, dass ich die Metriken, die ich mir als Ziel gesetzt habe, jetzt gar nicht mehr nachschlagen will.

Am 13. September saß ich um 1.30 im Auto auf den Weg zu meinem Elternhaus und googlete „Tod Einzelunternehmer” in den verschiedensten Varianten. Mein Vater beschloß wenige Stunden davor, sich das Leben zu nehmen und bescherte mir damit sein eigenes Entrepreneurship-Programm. Als einzige noch lebende Selbstständige in der Familie war mir von der ersten Sekunde an klar, dass ich meine Mutter dabei unterstützen muss, seinen Betrieb aufzulösen. Und als ich 40 Stunden später mit seiner Steuerberaterin über den Firmenwert diskutierte und diverse Szenarien kalkulierte, wurde mir bewusst: Meine eigenen Projekte (und eigentlich mein ganzes Leben) liegen die nächsten Monate auf Eis. Zwei Tage später war ich in der ORF-Sendung „Eco“ zum Thema Unternehmertum in Österreich zu sehen. Ich war so erschöpft, dass ich meinen Interviewmitschnitt nur im Halbschlaf wahrnahm. Der umstrittene Gründer Daniel Mattes schwafelte Minuten vor mir in dem TV-Beitrag: „Ein Gründer muss für sein Unternehmen leben, für Familie und Privatleben ist da kein Platz.“ Bei meinem Vater hat das nicht so gut funktioniert, wie Mattes sich das predigt.

Anfangs nannte ich es mein persönliches Unternehmertum-Bootcamp, aufgrund der Dauer bis zur Auflösung ist es mittlerweile eher ein langfristiges Programm. Ich wusste vom Unternehmen meines Vaters bis vor seinem Tod wenig. Das liegt einerseits daran, dass wir beide einfach nicht redefreudig sind/waren. Andererseits weiß ich, wie es ist, wenn momentan alles schief läuft und dann jemand fragt, „Na, wie läuft’s bei dir?“. Nach drei Monaten habe ich über seine Firma jedoch mehr Überblick als über meine eigenen Geschäfte (irgendwie habe ich in dem Zeitraum nebenbei meine journalistische Arbeit fast uneingeschränkt fortgesetzt).

Der Tod meines Vaters und die damit verbundene Betriebsauflösung hat mich beruflich nachhaltig verändert. Wir haben die unvorstellbar schlimmsten Situationen mit Kunden und langjährigen Partnern erlebt, wir hatten zum Glück aber auch unheimlich hilfreiche Kontakte und Kunden auf unserer Seite. Ich musste Dinge einfordern und Maßnahmen treffen, die ich für mein eigenes Business aus fehlendem Selbstvertrauen nie machen würde. Wegen der Umstände, die zu seinem Tod geführt haben, habe ich heute noch weniger Lust als früher, das Unternehmertum abzufeiern. Ich kann kaum mehr etwas, was in Startup-Medien zu lesen ist, ernst nehmen. Denn Unternehmertum ist nicht einfach ein paar Förderungen abgreifen, was Cooles mit netten Leuten bauen und dann verkaufen. Unternehmertum ist auch, wenn du direkt nach einer persönlichen Tragödie in einem Betrieb ohne Vorkenntnisse in einer anderen Branche unter ungünstigen Umständen durchhältst und bis zum Ende kämpfst.

Was bedeutet das für Fillmore? 

Wir werden uns neu ausrichten. Wie, das wissen wir selbst noch nicht genau. Teresa und ich haben in San Francisco im November darüber gesprochen, dass wir uns auf bestimmte Themen fokussieren wollen. Welche das sein werden, müssen wir für uns selbst noch herausfinden.

Durch das Entrepreneurship-Programm, das mein Vater mir hinterlassen hat, habe ich auch gemerkt, dass ich in den vergangenen drei Jahren meiner Selbständigkeit mein Talent verschwendet habe. Ich kann viel mehr als „nur“ Recherchieren und Schreiben, mache derzeit aber fast nur das. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich seit zwei Jahren so unzufrieden bin, dass ich mir nicht mal Chancen für ein Entrepreneurship-Programm ausrechne.

Das Creative Media Entrepreneurship Program läuft noch bis Mai 2017 und bis dahin beschäftigt mich das Projekt Fillmore auf jeden Fall. Bevor es bei uns aber wieder aktiv los geht, muss ich Energie und meine Nerven sammeln, um mich wieder um mein eigenes Unternehmen kümmern zu können.

In diesem Sinne danke ich allen, die uns und Fillmore weiterhin folgen und noch gern von uns lesen würden. Wie immer freuen wir uns über Feedback und Austausch!

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

5 Comments

  1. andy lenz

    December 23, 2016 at 12:45 pm

    hey elisabeth,

    gerade erinnere ich mich an unser treffen in SF, vielleicht sogar nähe fillmore street 😉
    vermutlich haben wir u.a. über unternehmertum gesprochen und wie happy wir dies bei t3n leben können.
    voller kaffee, energie und tatendrang sind wir auseinander gegangen und haben einen weg gefunden, deine skills auch für t3n.de auf die straße zu bringen. seitdem oder auch davor, ist fillmore.at entstanden und du hast/hattest unzählige auftritte und engagements in den feinsten medien. inhaltlich bewegst du dich dabei an einer der gefragtesten zonen überhaupt zwischen medien, digitalisierung, unternehmertum, startups, business und wirtschaft. es gibt nicht viele menschen/experten, die in dem bereich so versiert und erfahren sind wie du. egal was nun kommt, du hast die allerbesten karten und wirst daher sicher einen guten weg finden.

    wenn ich nach gut 10 jahren t3n magazin, dutzenden jurys, pitches und hunderten an uns vorbeigezogenen startups, eine sache nennen möchte die glückliche und erfolgreiche unternehmer ausmacht, dann ist das in den allermeisten fällen, ein funktionierendes emphatisches gründer- oder managementteam, mit geteilter verantwortung auf mehreren schultern und gemeinsamen zug nach vorn.

    so genug gefaselt! danke für deine offenen worte hier und auf ein gesundes und glückliches neues jahr 2017!
    you rock!!!

  2. Roman

    December 23, 2016 at 12:59 pm

    Ein für mich einzigartig-ehrliches Beispiel, wie man in einem meist-lähmenden und unbegreifbaren Ereignis eine Chance und/oder eine Perspektive findet, und für sich trotz diesem plötzlich ernsthaftem Chaos dann auch einen Weg raus erkennt. Also wenn dich etwas zu einem wirklichen Entrepreneur (mal als Modewort ignoriert für einen Moment) macht — abgesehen von deinen offensichtlichen Erfolgen — dann ist es diese Fähigkeit Chancen im Chaos zu sehen, und das dann auch noch so ehrlich, spürbar und beeindruckend zu formulieren (und du weißt: vom dem war ich eh schon immer begeistert).

  3. Martin

    December 23, 2016 at 1:44 pm

    Liebe Elisabeth!

    Ich wünsche Dir gutes Abschließen des väterlichen Betriebs und Aufladen Deiner Akkus.

    Ich kann mich Andy voll und ganz inhaltlich anschließen, dass Du als Person immenses unternehmerisches Potential hast und dies in den nächsten Jahr(zehnten) auch zur vollen Blüte bringen wirst.

    Wenn Du magst, dann kannst Du Dich gerne jederzeit per Mail, Telefon oder persönlich melden um einfach zu plaudern und/oder Fragen zur Zukunft von filmore zu diskutieren.

    Alles Gute! Martin

  4. Ulrike Langer

    December 23, 2016 at 8:04 pm

    Liebe Elisabeth,

    Du meine Güte, was für eine mutige Offenbarung. Ich hatte keine Ahnung, wie es um Dich steht und mir nichts weiter dabei gedacht, dass von Fillmore schon lange nichts Neues mehr gekommen ist. Von mir hört man ja auch manchmal monatelang nichts. Ich wünsche Dir Frohe Weihnachten und eine gutes Jahr 2017 mit vielen erfolgreichen, freudigen und starken Momenten. Und ich würde mich freuen, wenn wir uns bald diesseits oder jenseits des Atlantik mal wiedersehen würden. Alles Gute, Ulrike

  5. joha

    January 2, 2017 at 7:00 pm

    Liebe Elisabeth,
    ich wünsche Dir alles Gute im neuen Jahr und dass Du nach dem bewegten, traurigen 2016 in 2017 einfach viele gute Dinge erlebst. Der Weg wird sich weisen, solange Du einen Kompass hast.

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