Zwei Jahre Fillmore: Verdammt, wir leben noch

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Vor zwei Jahren haben wir Fillmore gestartet. Ein Rückblick auf gute und schlechte Zeiten und ein ungewisser Blick in die Zukunft. 

“Zu gut, um’s einfach abzudrehen”

Am 5. März 2014 habe ich Fillmore offiziell gestartet, vor einem Jahr kam die wundervolle Teresa Hammerl dazu. Ich habe Brit Morin, Gründerin von Brit + Co kürzlich gefragt, ob sie sich die Plattform vor vier Jahren so vorgestellt hat, wie sie heute ist. Und jetzt stelle ich mir die gleiche Frage.

Wie ich schon vergangenes Jahr an dieser Stelle geschrieben habe, war das anfängliche Interesse an Fillmore so überraschend, dass ich keine Zeit hatte, lang über die Strategie nachzudenken, sondern versucht habe, so viele Inhalte wie möglich zu veröffentlichen. Ja es gibt eine Mission, es gibt eine Strategie, aber keinen Masterplan, an den ich mich halten wollte. Deshalb kann ich auch nicht wirklich beantworten, ob sich Fillmore nach meinen Vorstellungen entwickelt hat.

Einerseits wünschte ich mir, wir wären schon größer. Ich hatte große Hoffnung, dass der Aufbau von Fillmore zurück in Österreich einfacher wird. Leider habe ich mich von Menschen bremsen lassen, die mich an Fillmore zweifeln lassen wollten. Jetzt denke ich mir, es wäre einfacher, noch in San Francisco zu sein. Aber vielleicht bin ich einfach ein Loser.

Andererseits bin ich überrascht, dass es Fillmore angesichts der ganzen Herausforderungen noch gibt. Wenn mich jemand fragt, wie’s läuft, sage ich meistens meinen Standardsatz: “Zu gut, um’s einfach abzudrehen und zu schlecht, um davon zu leben.” In Momenten, in denen ich Zweifel und keine Energie hatte, ist Teresa mit ihren Stories vorgeprescht und hat das Ding getragen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich alleine aufgegeben hätte. Die Accountability war in schwierigen Phasen sicher der Grund, warum ich doch weitergemacht habe. Auch die Accountability gegenüber unsereren Lesern – denn unsere Reichweite und Newsletter-Abonnenten sind stark gewachsen.

Und so haben wir in diesem Jahr dann doch viel weitergebracht: Unsere Top-Stories wurden zahlreich zitiert, die Öffentlichkeit nimmt uns immer mehr als eigenständiges Medium und Nachrichtenquelle wahr, und die (für uns sehr wichtige) internationale Leserschaft wächst. Wir erhalten Lob für unsere kritische und differenzierte Berichterstattung und Stories, die sonst in keinem deutschsprachigen Medium zu finden sind.

Mehr Mitbewerber, mehr Druck

Wir haben Wege gefunden, ein bisschen Geld einzunehmen und erste Kooperationen abgeschlossen. Mit dem “Let’s do this”-Guide für New York und Silicon Valley arbeiten wir an einem Spinoff-Produkt. Es ist aber zu wenig, um als freie Korrespondentinnen mit hohen Lebenskosten uns nur mehr auf die eigene Plattform zu konzentrieren. In dieser Hinsicht bin vor allem ich selbst daran schuld. Als ich vor drei Jahren nach San Francisco gezogen bin, habe ich alles aufgegeben und ein Jahr stark – vor allem finanziell in meine Karriere – investiert. Ich bin zum jetzigen Zeitpunkt nicht bereit, schon wieder alles auf eine Karte zu setzen. Davor muss ich mich erst von den harten Zeiten, die ich hinter mir hatte, recovern. Eine (nicht meine) Investorin hat mich kürzlich beruhigt: “Nur weil mehr gehen würde, heißt das nicht, dass man gleich mehr machen muss.”

Bootstrapping passiert in der aktuellen Gründerszene nur mehr selten und in sehr frühen Phasen. Es hat sich eingebürgert, dass erst einmal Fremdkapital verbrannt wird. Ich habe aber nach dem Rat beschlossen, mich davon nicht beirren zu lassen und unseren Weg weiter zu verfolgen – auch, wenn wir dadurch länger brauchen. Einige Startup-Medien, die in den vergangenen zwei Jahren aufgepoppt sind, haben uns wahrscheinlich überholt. Alle von ihnen sind jedoch in großen Verlagen entstanden. Dafür, dass wir ein kleines, unabhängiges Medium sind, können wir mächtig stolz auf unsere Reichweite und Relevanz sein.

Trotzdem habe ich Tage, an denen ich kurz davor bin, das Ding einfach abzudrehen. Die Berichterstattung über die Startup-Branche ist eine undankbare, besonders im unterentwickelten Markt Österreich. Jeder will sein Gesicht in den Medien sehen, aber keiner will Medien als Teil des Ökosystems unterstützen. Ein VC, den ich aufgrund einer Sponsoringanfrage besucht habe, hat mich 50 Minuten lang vollgetextet, wie er mehrere Millionen Euro aufstellt und er der einzig fähige VC in der Branche ist, um mir dann zu sagen, dass er sich kein Sponsoring (im niedrigen dreistelligen Bereich) leisten kann. Und beim Verabschieden meinte er dann noch, ich könne ja mal eine Story über die tolle App, die eines seiner Startups entwickelt, machen. (Spoiler: Sie ist nicht so toll). Bei solchen Erfahrungen frage ich mich immer mehr, ob ich dieses Ökosystem durch meine Berichterstattung überhaupt unterstützen will.

Zum Frust tragen auch die konkurrierenden Medien bei, die Formate kopieren oder unsere Themen wenig später auch beleuchten. Ich versuche es als Kompliment zu sehen. Es ist auch eine Bestätigung dafür, dass wir mit Fillmore oftmals richtig liegen und früher dran sind als andere. Und so werden wir weiterhin überleben, bis Aufgeben irgendwann keine Option mehr ist.

Nachtrag: Was kommt: Ein Redesign. Wie ihr uns unterstützen könnt? Hier. Was Teresa dazu sagt? Lest ihr in Kürze. 

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About Author

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

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