Mindfulness: Das Geschäft mit der Achtsamkeit

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Stress ist kein Status-Symbol mehr: Gründer und Lebensberater predigen einen bewussten Lebensstil. Das kurbelt nicht nur eine ganze Industrie an, sondern hat auch wissenschaftliche Hintergründe. 

Der Chef als Meditationslehrer

Red Bull-Dosen, Pizzaschachteln und durcharbeitete Nächte haben in der Startup-Kultur ausgedient, freut sich Darya Rose. Die Neurowissenschafterin hat sich als Ernährungsberaterin für Gründer im Silicon Valley einen Namen gemacht. Zu ihren Kunden zählt etwa das Management-Team von Instagram. “Wer Bestleistungen erbringen will, muss sich anständig ernähren”, sagt Buchautorin Darya Rose. Ihr wichtigster Tipp: “Aufmerksam essen, alles 40 mal kauen.” – “Mindful Eating”, nennt die Expertin das.

Das neue Status-Symbol der Unternehmer ist Mindfulness: Ausgeglichenheit, Achtsamkeit und Bewusstsein durch Meditation und andere Methoden. Und dieser Trend ist in den USA zu einer Industrie geworden, die von Menschen wie Rose angeführt wird. Aber was versteht man unter diesem Begriff? “Mindfulness – Aufmersamkeit ist der Prozess, aktiv neue Dinge wahr zu nehmen”, erklärt Sozialpsychologin Ellen Langer im Harvard Business Review und führt aus: “Wenn du das praktizierst, nimmst du die Gegenwart wahr.” Durch die bewusste Wahrnehmung soll Energie getankt und die allgemeine Leistung verbessert.

Apps für Mindfulness

In der Praxis wird dieses Bewusstsein oft durch Meditation umgesetzt. Statt Energy-Drinks zu konsumieren, nimmt sich die neue Generation der Unternehmer lieber Zeit, ein paar Minuten inne zu halten. Bei vielen Startups gelten solche Angebote als Mitarbeiter-Benefit: Yoga-Klassen, Ernährungsberatung und Meditationsecken gehören zum guten Ton. Twitter-Mitgründer Evan Williams etwa leitet in seinem neuen Unternehmen Medium selbst Meditations-Sessions. Bei SweatGuru, einem Fitness-Portal, laden die Gründerinnen Jamie Walker und Alyson Mason-Brill auch ihre Kunden zu den firmeninternen Yoga-Kursen ein.

Natürlich gibt es auch Apps für diesen Trend. Die Anwendung Coach.me etwa will Nutzern dabei helfen, sich gute Taten anzugewöhnen. Mit der App können sich User Herausforderungen stellen und den Fortschritt mitdokumentieren. “Keine Mails vor dem Frühstück”, “Vor Mitternacht schlafen gehen” und “Meditieren” heißen solche Challenges. Mittlerweile bieten auch Berater wie Darya Rose ihre Mindfulness-Programme über die App an. Wer eine kurze Arbeitspause vor dem Rechner braucht, kann auf der Website calm.com mit Musik im Ohr und Landschaftsbild auf dem Bildschirm abschalten.

Mach’ deine eigenen Regeln

Das Geschäft mit der Mindfulness wird jedoch nicht nur an der US-Westküste gemacht. Auch an der Ostküste ist bereits eine Community entstanden. Dazu gehören unter anderem die Autorin Kris Carr, die ihren Krebs durch gesunde Ernährung besiegt hat und diesen Erfolg nun in Büchern und Vorträgen vermitteln, und die Yoga-Trainerin Tara Stiles. Letztere erhielt von der New York Times als “Yoga-Rebellin” bezeichnet, seither reist die New Yorkerin sogar nach Asien, um ihre Klassen anzubieten und ihre Philosophie zu vermitteln. “Mach’ dir deine eigenen Regeln”, lautet ihr Motto. In einer Kollektion, die sie für das Sport-Label Reebok entworfen hat, verbreitet sie diesen Grundsatz auf T-Shirts. Mit “Make Your Own Rules-Diet” hat sie seit November ihren Lifestyle in einem Buch zusammengefasst.

Dass diese Bewegung weltweit tausende von Anhängern hat, haben mittlerweile auch große Marken erkannt. So hat die Luxus-Hotelkette W Hotels Tara Stiles als Botschafterin engagiert. In einer internationalen Kampagne bringt die Trainerin ein Fitness-Programm auf die TV-Bildschirme in den Hotelzimmern. Zusätzlich reist Stiles an verschiedene Standorte, um ihren Yoga-Kurs persönlich abzuhalten. Die Workouts sind auf die typischen W-Gäste abgestimmt: “Sie können leicht in den arbeitsreichen Jetset-Lifestyle integriert werden”, sagt W-Brand Manager Paul James.

"Spirit Junkie" Gabrielle Bernstein glaubt an Wunder.

“Spirit Junkie” Gabrielle Bernstein glaubt an Wunder.

Zu Tara Stiles’ Branchenkolleginnen zählt auch die Lebensberaterin Gabrielle Bernstein. In ihren Büchern vermittelt sie, wie Meditation einfach im Alltag eingebaut werden kann und so das allgemeine Wohlbefinden verbessert. Ihre Tipps gab sie bereits bei US-Talkshow-Moderation Oprah Winfrey vor einem Fernsehpublikum, auf YouTube teilt sie wöchentlich ihren Rat für ein bewussteres Leben. “Wer glücklich ist, wird erfolgreich. Und dann passieren auch Wunder”, predigt sie. Wer solche Gedanken manifestiert, kann seinen Alltag bewusst ändern, so Bernsteins Auffassung von Mindfulness.

Schlaf als Erfolsgarant

Das steigende Interesse am aufmerksamen Leben und Arbeiten hat auch Arianna Huffington bemerkt. Im Frühling 2014 veröffentlichte die Gründerin der Huffington Post deshalb ihren Karriere- und Lebensratgeber “Thrive”. Darin schreibt sie über ihre eigenen Fehler, die zu einem Burnout führten. Ihr wichtigster Tipp, den sie für Manager der Zukunft hat: “Acht Stunden Schlaf.” Schlafen sei eine Wunderdroge, ist sich die Geschäftsführerin sicher.

“Mindfulness” mag derzeit in der Wirtschaft zwar ein Buzzword sein, das Innehalten und die Umwelt bewusster wahrnehmen macht sich jedoch bezahlt, bestätigt auch die Wissenschaft. Forscher des “Mindfulness Research Centers” der UCLA haben mehrere Studien zusammengefasst und dabei zum Urteil gekommen, dass dadurch Nervenmuster im Gehirn positiv beeinflusst werden. Meditieren etwa könne langfristig positive Wirkung haben und das Abnehmen der Gedächtnisleistung im Alter verhindern. Auch auf soziale Beziehungen haben dem Bericht der UCLA zufolge “Mindfulness”-Praktiken gute Auswirkungen. So zeigen Kinder von ausgeglichenen Eltern zum Beispiel weniger aggressives Verhalten. Weiters sei Meditation als Gesundheitsvorsorge geeignet, schreiben die Forscher.

Wer aufmerksamer und “im Moment” leben will, muss sich nicht gleich für den nächsten Yoga-Kurs anmelden und eine Meditationsecke einrichten. Auch kleine Angewohnheiten können dabei helfen, einen stressigen Alltag zu bewältigen. Während Ernährungsberaterin Rose darauf appelliert, Essen anständig zu kauen, empfiehlt Naturmediziner auf unsere wichtigste Angewohnheit nicht zu vergessen: Atmen. Regelmäßige Atemübungen reduzieren laut dem Mindfulness-Guru nicht nur Stress und versorgen mit Energie, sondern können auch Panikattacken vermeiden.

Mit dem Bekenntnis zu einem bewussteren Lebensstil und mehr Ausgeglichenheit haben die US-Startups und Lifestyle-Berater jedenfalls einen Trend gesetzt, der bald auch nach Europa kommen wird.

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About Author

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

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