Self-Publishing: “Warte nicht, sondern wähle Dich selbst”

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 Interview: Johanna Lehmann lebt seit vier Jahren als Unternehmensberaterin und mittlerweile Startup-Consultant in San Francisco. Nebenbei hat sie in Deutschland den Reiseführer-Roman “Ein Jahr in San Francisco” veröffentlicht. Mit einer Indiegogo-Kampagne will sie ihr Werk jetzt in einer englischen Version launchen. Gegenüber Fillmore erklärt sie, warum sie keinen traditionellen Verlag gewählt hat, und wie es ihrer Protagonistin heute in San Francisco gehen würde.

San Francisco, Self-Publishing und eine Startup-Liebesgeschichte

Das Buch ist ein Roman kombiniert mit einem Travel Guide, wie entstand die Idee zu dem Konzept?

Johanna Lehmann: Die Idee entstand, weil ich während meiner Reisen immer nach Büchern gesucht habe, die neben Informationen zu Orten und Städten spannend zu lesen sind und auch persönliche Eindrücke und Emotionen von einer Stadt schildern. Doch am Buchmarkt gab es immer nur ‘Entweder Oder’: Reiseführer oder Roman. Hinzu kam, dass ich viele Reisebücher als sehr touristisch empfand. Selten fand ich darin auch Tipps und Empfehlungen zu Orten, die die ‘Locals’ anstreben. Da dachte ich mir: warum nicht den Roman mit dem Reisebuch kombinieren. In Deutschland im Herder Verlag gibt es eine solche Reihe unter dem Namen “Ein Jahr in… – Reise in den Alltag” bereits. Das traf sich gut. Ich schrieb das Buch “Ein Jahr in San Francisco”, was im Herbst 2012 bei Herder erschien. Für den englischsprachigen Markt habe ich das Buch durch eine Stanford Doktorandin übersetzen lassen und bringe es mithilfe von  Indiegogo heraus.


Warum hast du dafür nicht einen traditionellen Verlag gewählt?

In Deutschland habe ich mit dem  Herder Verlag die traditionelle Route eingeschlagen. Ich habe auch einen Absatz des Buches im amerikanischen Markt gesehen, allerdings publiziert Herder nicht im Ausland. Also habe ich mich gefragt: Soll ich nun in den USA erst auf Agenten- und dann auf Verlagssuche gehen?  “Das kann Jahre dauern”, sagte mir ein amerikanischer Freund. “Und selbst, wenn du einen Agenten findest und dann auch noch einen Verlag, bist Du als Autorin immer noch für Marketing und Promotion verantwortlich – falls Du nicht J.K. Rowling heißt.“ Das war mir zu kompliziert und langwierig. Also habe ich kurzerhand entschlossen, dass ich es mit dem Crowdfunding probieren werde.

Du hast dich besonders im vergangenem Jahr intensiv mit dem Thema Self-Publishing beschäftigt. Welche Tipps kannst du Autoren geben, die ihr Buch veröffentlichen wollen, dafür aber keinen Verlag finden oder wollen?

Zum Einen: nie aufgeben, denn nie war die klassiche Verlagsindustrie an einem größeren Wendepunkt angekommen. Die klassischen Verlage haben Handlungsdruck und werden zunehmend offener neue Modelle für Autoren anzubieten. Ebenso bin ich ein Verfechter vom Konzept ‘Choose Yourself’ von James Altucher: anstatt ewig darauf zu warten, dass man von einem Verlag ausgewählt wird, wählt man sich selbst aus. Wie soetwas aussehen kann? Buch selbst vermarkten und im Eigenverlag herausbringen.

Kannst du dir vorstellen, wieder bei einem klassischen Verlag zu veröffentlichen?

Durchaus – allerdings nur, wenn es ein faires Angebot ist. Und das bedeutet für mich: mindestens Umsatzbeteiligungen von 20Prozent. Ich persönlich werde in Zukunft den Fokus eher auf Self-Publishing setzen – es gibt mir auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Bei meinem neuen Titel ‘How to love San Francisco’ kann ich selbst entscheiden, wie lange die Kapitel sind, wie viel Liebesgeschichte drin ist und wann das Buch auf den Markt kommt. Ausserdem macht es total Spass ein eigenes Verlagsteam aufzubauen – ich habe meinen eigenen kleinen Verlag: eine Lektorin in San Diego, eine Übersetzerin von Stanford, einen Marketingexperten in Toronto. Ich hatte erst kürzlich eine weitere Anfrage für ein Buch von einem anderem deutschen Verlag: ich habe es abgelehnt, da die Umsatzbeteiligung bei einer Auflage von ein paar Tausend Büchern bei knapp fünf Prozent lag.

Dein Buch ist quasi eine Lieblingserklärung an San Francisco. Gibt es etwas an der Stadt, dass du jedoch nicht magst?

In der Tat – und dies schildere ich auch in meinem Buch. So stört es mich zum Beispiel, dass aufgrund der hohen Mieten viele Kreative aus der Stadt verdrängt werden. Zunehmend wird San Francisco zu einer Yuppie- und Techie-Stadt, in der man nur noch leben kann, wenn man ein richtig dickes Jahreseinkommen erwirtschaftet oder – falls Ersteres nicht der Fall ist – bereit ist in einer Mehrpersonen-WG in einem kleinen Zimmer San Francisco zu genießen. Die Mittelschicht wird aus der Stadt gedrängt und Familien mit mehreren Kindern sieht man fast gar nicht.

Du lebst seit vier Jahren in San Francisco, die Protagonistin des Buchs schildert ihr erstes Jahr in der Stadt. Wie würde es Hanni drei Jahre später gehen?

Drei Jahre später ist in Hannis Leben viel passiert: Hanni wird nach Beendigung der zwölf Monate in San Francisco bleiben und ihr Leben komplett neu erfinden. Eine Rückkehr nach Deutschland wird für sie immer unwahrscheinlicher. Sie wird über die nächsten Jahre lernen, was es wirklich heißt, eine Firma zu gründen.

Und Hanni wird auch langsam verstehen, was es mit dem Dating in den USA auf sich hat. Die Beziehung mit dem Amerikaner Nick wird es nicht mehr geben – zu groß sind die kulturellen Unterschiede. Dafür wird sie sich in einen europäischen Landsmann verlieben – zumindest nachdem sie die Erfahrung gemacht hat, dass Onlinedating auch ganz spannend sein kann und es durchaus mit Vorteilen verbunden ist, mehrere Personen auf einmal zu daten.

Hier geht’s zur Indiegogo-Kampagne für “How to love San Francisco”.

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About Author

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

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