Silicon Valley Korrespondentin Hübscher: “Ich musste mir meinen Beruf neu erfinden”

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Wer über Technologie berichtet, ist im Silicon Valley bekanntlich gut aufgehoben. Das wissen auch die zahlreichen Korrespondentinnnen und Korrespondenten, die es etwa aus Europa in die Bay Area getrieben hat. Eine von ihnen ist Christiane Hübscher, sie berichtet von dort vor allem für das ZDF und die Deutsche Presseagentur, kurz dpa. Auf ihrer eigenen Website “Sillicon Valley Stories” kann man ihre Geschichten noch einmal gesammelt finden. Wir haben uns zum Jahreswechsel mit ihr unterhalten.

Im Silicon Valley herrscht nicht nur ein Kommen und Gehen an allen, die in technischen Berufen zuhause sind. Auch unter Journalistinnen und Journalisten ist die Reiselust groß, das aus den unterschiedlichsten Gründen. “Wir haben uns daran gewöhnt, dass in dieser Stadt ständig irgendwo ein Umzugswagen steht. Es ist ein Kommen und Gehen; meist gehen diejenigen, die schon lange da sind und es sich nicht mehr leisten können”, schrieb etwa der Silicon Valley Korrespondent, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Johannes Kuhn. Er ist nun für 2016 nach New Orleans gezogen. Ein Anderer, Silicon Valley Korrespondent Martin Weigert, verließ die Bay Area schon 2015. Er schreibt unter anderem für t3n und wohnt nun in Stockholm. Aber es kommen Neue nach.

Hübscher zog es ebenso wie mich 2015 nach San Francisco, was sie in dem Jahr erlebt hat, was sie als nächstes plant und mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert war, das hat sie uns im Interview verraten.

Wenn du auf 2015 zurückblickst, welche Themenbereiche waren im Silicon Valley besonders spannend?

Mein Jahr ging gleich aufregend los: Im Januar habe ich die erste “Egg Freezing Party” meines Lebens besucht. Dr. Aimee, die “Ei-Flüsterin”, wie sie hier alle nennen, startete ihre Beratungspartys in der Bucht von San Francisco und tourt damit heute durch die ganze USA. Bei Cocktail und Häppchen erklärt sie Frauen zwischen 20 und 30, wie sie ihre Eizellen für später einfrieren können, um a) in Ruhe weiter nach Mr. Right suchen und/oder sich b) erst mal um ihre Karriere kümmern zu können. Fast alle der anwesenden potentiellen Gefrierkundinnen waren gerne bereit, vor meiner Kamera über ihre Beweggründe zu sprechen – diese Offenheit wäre in Deutschland undenkbar.

Zum zweiten habe ich eine Schwäche für humanoide Roboter und habe sie alle gefilmt und getestet: Pepper, der uns bald beim Kleidershoppen beraten soll, Relay, der Hotel-Butler oder iPal, der bald mit chinesischen Kindern Hausaufgaben machen wird. Mein Fazit: noch sind sie alle Prototypen, die oft abstürzen, uns falsch verstehen oder hinfallen. Aber 2016 kommen all diese personal robots auf den Markt und sollen uns helfen, bessere Menschen zu werden – das wird spannend.

Außerdem habe ich gleich mehrere Geschichten geschrieben über die Gentrifizierung im Silicon Valley: Mieten sind für Normalos schier unbezahlbar geworden zwischen San Jose und San Francisco, weil die Hunderttausenden von gutverdienenden Tech-Mitarbeitern die Preise verderben. 

Gibt es eine Story, die dir in Erinnerung geblieben ist?

Meine Lieblingsgeschichte des Jahres ist eine, die gerade in diesen Tagen erst erscheint: Ich habe sechs junge Deutsche gesucht und gefunden, die 2015 für einen Job ins Silicon Valley gezogen sind. Die meisten von ihnen sind noch nicht mal 30 und sie sind eben nicht einfach bequem als Expats mit einer großen deutschen Firma hergekommen, sondern haben mit einem Praktika im Valley angefangen, eigenes Geld reingesteckt, und sich ihr erstes Visum und ihre Karriere in den USA richtig selbst erkämpft.

Heute sind sie fest angestellt und arbeiten für Tesla, Nest/Google oder als Lehrerin an der German International School of Silicon Valley. Mich haben der Mut und die Zielstrebigkeit dieser Sechs wahnsinnig beeindruckt. Es sind Geschichten, die zeigen, dass es geht, dass man sich den Traum vom Leben im Ausland wirklich selbst erfüllen kann.

Ausblick auf 2016: Hast du schon eine Vermutung, was dich im neuen Jahr beschäftigen wird? 

Gleich Anfang Januar fahre ich zur CES nach Las Vegas. Wir werden dort Wearables für Babies sehen und viele andere verrückte Neuheiten. Was mich besonders interessiert: der Kampf ums Auto der Zukunft. Alle – die traditionellen Autohersteller genauso wie Google und die vielen Auto-Techies aus dem Silicon Valley – werden in Las Vegas zeigen, wie weit sie das vernetzte, autonome Fahren schon entwickelt haben.

Darüber hinaus glaube ich, dass wir 2016 große Sprünge bei der künstlicher Intelligenz sehen werden, VR-Kameras massentauglich werden und Google viel Aufmerksamkeit für sein Loon-Projekt bekommen wird: Internetversorgung durch Weltall-Ballons.

Auch politisch wird es ein wichtiges Jahr für das Silicon Valley: Die USA wählen im November einen neuen Präsidenten (oder eine Präsidentin?) und man erwartet gespannt, welchen Kandidaten die Valley-Milliardäre mit ihrem Geld unterstützen. Als sicher gilt jetzt schon: die Wahl gewinnt Facebook, denn dort wird heute hauptsächlich der Wahlkampf geführt.

Was war für dich in diesem Jahr, 2015, die größte Herausforderung als Silicon Valley Korrespondentin?

Ich bin selbst erst im Januar 2015 hier gelandet und musste mir praktisch meinen Beruf neu erfinden. Ich war vorher über zehn Jahre lang ZDF-Reporterin, also die klassische Fernsehfrau, die mit Team zum Dreh kommt und sich danach vom Cutter ihren Beitrag schneiden lässt. Hier in Kalifornien habe ich schnell begriffen, dass es auf dem deutschsprachigen Medienmarkt zwar einen Riesenbedarf an Videos aus dem Silicon Valley gibt, dass aber gerade die Online-Medien dafür keine Fernsehpreise zahlen können.

Ich habe mir also eine Kamera gekauft und das Drehen und Schneiden gelernt. Jetzt läuft es gut für mich als freie Videojournalistin: Die Amerikaner lieben Kameras, sprechen praktisch alle druckreif und schreiben gerne Intro-Mails. Ich mag diesen Empfehlungsmechanismus im Valley – wenn man beruflich zu jemandem Kontakt aufnehmen möchte, lässt man ihn sich per freundlicher Email durch einen Bekannten oder Geschäftsfreund vorstellen –, das müssen wir Europäer uns unbedingt abgucken.

Nur an Google und Apple bin ich leider bisher nicht rangekommen – deutsche Medien spielen für die ganz offenbar keine Rolle.

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Hallo, ich bin Silicon Valley Reporterin, lebe in San Francisco, trinke meinen Kaffee selten aus und bin großer Fan vom Dog Park ums Eck. Ruft mich nicht an.

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