Was der österreichischen Startup-Szene wirklich fehlt

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Kommentar: Brauchen wir wirklich einen Zusammenschluss der wichtigsten Akteure im Jungunternehmertum? 

Zu wenig Kapital, zu wenig internationale Anerkennung, zu wenig Unterstützung von der Politik. Das sind die üblichen Antworten, wenn österreichische Startup-Gründer nach ihren Problemen gefragt werden. Dass Wien nicht das nächste Silicon Valley wird, hat man zumindest akzeptiert. Dennoch will die Gründerszene ihre Bedeutung in der heimischen Wirtschaft ausbauen. Der offizielle Zusammenschluss von Österreichs bekanntestem Business Angel Hansi Hansmann, den Betreibern des Pioneers Festivals und der VC-Firma SpeedInvest ist der nächste Schritt in dieser Mission.

Buntes Silicon Valley

Österreichs Wirtschaft ist bekannt dafür, sich zu verbünden. Die Medienlandschaft ist wohl das bekannteste Beispiel dafür. Und auch in anderen Sektoren regiert die “Freunderlwirtschaft”. Auf die Frage, was Österreich vom Silicon Valley lernen können, schwärmen viele Insider von der Kunst des Scheiterns, der Offenheit gegenüber Innovation und dem Unternehmer-Spirit.

Das Ökosystem zeichnet sich jedoch auch durch andere Eigenheiten aus. Das Valley ist bunt: Zahlreiche Player verkörpern unterschiedliche Weltanschauungen und verfolgen unterschiedliche Ziele. Man weiß, welche VC-Firma auf welche Branche spezialisiert ist, welcher Angel Investor jemanden ums Ohr haut und wer Startups wirklich fördert. Man hört gute und schlechte Geschichten, versteht den Unterschied zwischen Stanford-Absolventen und dem Rest der Startup-Bevölkerung  und stößt auf viele kontroverse Aussagen. Natürlich herrscht hier ein großes Miteinander und Solidarität, aber nicht nur. Renommierte VCs beschimpfen sich auf Twitter, Startups stellen sich gegenseitig Fallen, es bilden sich Lager – und das ist gut so, weil es das System vorantreibt.

Schulterklopfen statt Kritik

Der Zusammenschluss in Österreich signalisiert das Gegenteil. Man will sich dabei helfen, größer zu werden. Die wenigen Institutionen, die zuvor schon kooperiert haben, machen ihre Verbundenheit offiziell. Einerseits ist das tatsächlich ein starkes Signal für die Wirtschaft, andererseits wirft es Gefahren auf. Die Szene definiert sich nicht durch verschiedene Spezialgebiete, sondern durch gemeinsame Macht. Das gegenseitige Schulterklopfen übertönt kritische Stimmen. Die Gefahr dabei: Jungunternehmer, die sich mit den Werten dieser Marktmacht nicht identifizieren können oder bestimmte Expertise von erfahrenen Unternehmern suchen, könnten sich dadurch in der Szene nicht willkommen fühlen. Das heißt natürlich nicht, dass die Startup-Vereinigung jemanden ausschließen will, aber die Außenwirkung ist exklusiv.

Mit der verstärkten Kooperation von SpeedInvest, Pioneers und Hansmann gehen die Vertreter der Gründer-Community weiter in Richtung Professionalisierung. Der Schritt könnte allerdings auch in Richtung Freunderlwirtschaft gehen. Es wäre schade, wenn sich das junge Unternehmertum auf diese Eigenschaft der “Old Economy” verlässt. Was die österreichische Startup-Szene deshalb braucht: mehr Farbe, mehr Meinungen und unterschiedliche Player.

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

5 Comments

  1. Hannes Offenbacher

    October 8, 2014 at 10:49 am

    Danke für diese mutigen und wichtigen Gedanken. Hört man in unserem Kulturkreis ja zu selten, auch wenn sie uns eben weiterbringen würden. Alle.

    • Oliver

      October 8, 2014 at 10:59 am

      Hi Lisa,

      Auch Dank für diese Perspektive, ich persönlich habe in Österreich immer genau diese Freunderlwirtschaft schrecklich gefunden und kann diese Bedenken auch nachvollziehen. Warum trotzdem diese Kooperation? Weil wir einen Kraftakt brauchen, um signifikant Kapital nach Wien zu holen und wir das gemeinsam besser schaffen. Und weil wir uns international orientieren wollen und auch das besser gemeinsam geht. Ich bin 100% überzeugt ,dass Wien – falls wir erfolgreich sind – mehr an weiteren Investoren anzieht und auch “Konkurrenten” entstehen. Das ist nicht nur erwünscht, sondern dringend notwendig. Genau wie im Silicon Valley sind diese “Konkurrenten” ja dann letztlich sehr oft gemeinsam als Co-investoren im Boot, bei anderen Deals rittert man dann um den Zuschlag. Ich wünsche es uns und der Szene, dass wir bald in so einer Situation sind!

      LG
      Oliver
      PS. gern auch mal eine persönliches Gespräch dazu, ist ein gutes Thema

      • admin

        October 8, 2014 at 11:04 am

        Danke für deinen Beitrag dazu und persönliches Gespräch, sehr gern!

  2. admin

    October 8, 2014 at 10:56 am

    @Hannes Vielen Dank! Wie gesagt, es sollte mehr Meinungen in der Branche geben, und das hier ist eine davon 🙂

  3. Hans Zirngast

    October 8, 2014 at 10:59 am

    Wettbewerb ist wichtig.

    Zwar ist es einerseits von Vorteil, wenn man “kompakt” auftritt – ein Kollektiv wirkt geschlossener, gar aus – zumindest oberflächlicher – Außensicht “professioneller”, wie eine Marke eben.

    Andererseits ist gerade das offene Agieren durch unterschiedliche Gedanken und unterschiedliche Ziele, ein “Wettstreit der besten Ideen” (was auch immer aus individueller Sicht “das beste” dabei meint)
    via einem offenen und freien Wettbewerb oft erst richtig Themen ansprechend und so oft erst richtig diese voranbringend.
    Ein Wettbewerb motiviert auch, dass sich Akteure nicht ausruhen, eine (vermeintliche) Interessensvertretung vieler sich gar zu einseitig – zum Beispiel zu wenigen Akteuren zu deren Hauptvorteil – hin orientiert.

    Ein Negativbeispiel ist da gewissermassen die vorhandene Art der Wirtschaftskammer-Ausführung, die nur einseitig dominiert wird (vor allem Wirtschaftsbund und dabei einzelne Akteure besonders)
    – was dann gewissermassen betreff erwähnter “Freunderlwirtschaft” eine “crony capitalism”-Situation schafft, Wettbewerb (zu) einseitig verzerrt – nämlich hin zu jenen, die sich am meisten in dieser und am nächsten hin zu dieser Institution vernetzen, was dann aber keinen echten Kapitalismus im Sinne eines “freien Marktes” darstellt.

    Wahrscheinlich das beste ist beides
    – flexibel frei agierend: Ein Wechselspiel aus einem Kollektiv-Auftreten und auch einem freien Spielraum für einzelne, gar manchmal auch konträre Interessen.

    Dialog und Kommunikation ist generell wichtig.

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