Null von 16 Millionen Dollar: Warum Ellen Pao trotzdem gewonnen hat

Google+ Pinterest LinkedIn Tumblr +
Stimmungsbericht: Das Urteil im Fall Pao vs. Kleiner Perkins schockierte, ist langfristig jedoch ein wichtiges Zeichen für die Gleichstellung von Frauen. 

Mit einem souveränen Lächeln im Gesicht verlässt Ellen Pao den Gerichtssaal. Kein einziges Mal hat sie sich an diesem Tag zum Publikum umgedreht. Erst jetzt sieht sie die mehr als hundert Menschen, die ihr mit großen Augen nachsehen. Es sind Blicke voller Hoffnung, Ärger oder Fassungslosigkeit, die sie verfolgen. Die Klägerin hat einen 16 Millionen Dollar schweren Fall in allen Punkten verloren. Im besten Fall hätte sie sogar 160 Millionen Dollar einstreifen können. Und doch scheint etwas Stolz in ihren Augen durchzuschimmern, als sie ihre Unterstützer sieht. “Wir lieben dich, Ellen”, ruft ihr jemand am Gang nach. Auf Twitter zeigen sich User mit dem Hashtag #ThankYouEllenPao solidarisch.

Lächeln üben

Pao hatte immerhin drei Stunden Zeit, dieses Lächeln zu üben. Um 14 Uhr verkündeten die Geschworenen ihr Urteil im Gerichtsgebäude der Stadt San Francisco. Vier mal Nein für alle Anklagepunkte – doch die Jury hatte sich verzählt, eine Person hatte auf dem Weg in den Saal die Meinung geändert. Doch auch in dieser Frage stimmte die Jury letztlich zugunsten des Arbeitgebers.

Unbegreiflich, weil so offensichtlich, lautet der Tenor unter den Zusehern vor Ort. Zwei Geschworene erklären sich schließlich bereit, ihre Entscheidung zu erläutern. Was Pao zum Verhängnis wurde, waren negative Mitarbeiterbewertungen. Dabei wird die Doppelmoral der Geschichte klar: Als Chief of Staff war sie toll, aber nach der Beförderung zur Junior Partnerin fiel sie immer öfter negativ auf. Plötzlich war die Investorin nicht mehr nett, sondern kämpfte sich nach oben – bis sie die Glasdecke erreichte, die den Weg vors Gericht bedeutete. Die Geschworenen waren ein durchgemischtes Team: sechs Frauen und sechs Männer unterschiedlichsten Alters und kultureller Hintergründe. Eines scheinen sie gemeinsam zu haben: Mit Tech haben sie nichts am Hut, sagen zumindest die beiden Jurymitglieder vor der Presse. “Pao scheint eine intelligente, motivierte Frau zu sein”, sagt der männliche Geschworene. Warum hat eine intelligente, motivierte Frau es in dieser Welt nicht nach oben geschafft? “Ich weiß es nicht, ich bin nicht Teil dieser Welt.”

Seine weibliche Kollegin hat für Pao gestimmt, enttäuscht ist sie vom Urteil jedoch nicht. “Wir haben in den vergangenen Wochen so intensiv gearbeitet und wirklich jeden Aspekt angesehen. Emotional ja, aber enttäuscht wäre ich nur, wenn wir unsere Arbeit nicht richtig gemacht hätten.”

Urteil: Männliche Attitüde

Die Begründung der Geschworenen spiegelt einmal mehr die Meinung der Gesellschaft wieder: Frauen sollen im Beruf nett und ordentlich sein, nicht zu sehr auffallen und schon gar nicht aggressiv werden. Pao hatte eine männliche Attitüde. Sexuelle Diskriminierung? Nein, sie war einfach eine schlechte Mitarbeiterin. So könnte man das Urteil polemisieren. Mit dem Sexismus ist es so wie mit dem Rassismus. Es ist zu wenig offensichtlich, um jemanden daran festzunageln. Man kann jedes Argument drehen und wenden und dann doch zu dem Schluss kommen, dass die Frau einfach nicht richtig performed hat und nicht mehr ins Team passte.

So frustrierend dieser Tag für Menschen, die für die Gleichstellung von Frauen sind, war, so hat er die Gesellschaft weitergebracht. Pao ist die erste in der Silicon Valley-Szene, die eine millionenschwere Klage einbrachte, ohne sich auf außergerichtliche Zahlungen einzulassen und dann für immer zu schweigen. Die Reddit-Chefin ändert damit die Art, wie im Silicon Valley Geschäfte gemacht werden, schreibt die New York Times und bezeichnet sie zurecht als eine der größten “Disruptors”. Mit zwei Diskrimierungsklagen bei Facebook und Twitter scheint Pao schon einen Trend in der Tech-Branche losgetreten zu haben

Nicht die Klappe halten

Dass man als Anhängerin der Gleichberechtigung heute trotzdem gut schlafen kann, dafür sorgt Pao selbst. Weil sie nicht die Klappe gehalten hat, tauchte die Wahrheit über den Büroalltag im Valley auf. Ihr Fall bewegte die vergangenen drei Jahre die Medien, und die Geschichte wird noch lange weitererzählt.

Pao hat den Boys Club im Valley aufgebrochen, dafür hat sie keinen einzigen Cent bekommen. Aber sie hat mit ihrer Klage einen historischen Moment geschaffen, der mehr als 16 Millionen Dollar wert ist. Denn die Grundlage dafür, dass mehr Frauen Mut zeigen und gerne aus den gesellschaftlichem Rahmen fallen, ist ein unbezahlbarer Sieg.

“Ich habe meine Geschichte erzählt, und tausende Menschen haben sie gehört. Wenn ich dabei geholfen habe, das Spielfeld für Frauen und Minderheiten im Venture Capital zu heben, dann war das den Kampf wert. Jetzt ist es Zeit für mich, mich wieder auf meine Karriere und Familie zu konzentrieren”, bedankt sie sich vor den Journalisten im Gericht. Sie blickt nicht mehr zurück, als sie ohne Reaktion auf Fragen den Raum verlässt.

Share.

About Author

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

Leave A Reply