Portlands Silicon Forest: Die nette Schwester von Silicon Valley

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Ein Besuch in der Tech-Community des Pacific Northwest.

Portland ist anders. Wäre es Schauplatz einer Comic-Serie, wäre die Hauptstadt des Bundesstaats Oregon das “kleine gallische Dorf”. Die Mauer, auf der groß “Keep Portland Weird” steht, ist das inoffizielle Wahrzeichen der Stadt. Hier ist alles etwas netter, grüner als in anderen Großstädten der Vereinigten Staaten. Alternativ und progressiv wie San Francisco, aber weniger rau und keine Fäkalien auf den Straßen. Industriell wie Brooklyn, doch unschuldiger. Und im Gegensatz zur allgemeinen amerikanischen Kultur sind die rund 600.000 Einwohner vor allem eines: bescheiden.

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Der Gärtner des Silicon Forests

Dieser Außenseiterstatus ist den Einheimischen bewusst. Die Musikerin Carrie Brownstein, die hier lebt, hat mit SNL-Comedian Fred Armisen ihrer Heimat eine eigene TV-Show gewidmet: “Portlandia” läuft seit vier Staffeln bei IFC. “Ja, natürlich sehen wir Portlandia”, sagt mir Rick Turoczy bei einem lokal gerösteten Kaffee im Pearl District. “Ich verstehe nur nicht, wie das jemand in Wyoming lustig finden kann. Für uns ist das normal, und das macht es lustig.”

Die Eigenschaft bescheiden trifft auf den Manager des Startup-Inkubator PIE jedenfalls zu. “Rick hat die Tech-Community in dieser Stadt aufgebaut”, erklärt mir am Vortag der Fachjournalist Alex Williams. “Ha, da bin ich mir nicht sicher”, antwortet Turoczy leicht verlegen, als ich ihm davon erzähle. Seit fast 20 Jahren treibt er sich in verschiedenen Rollen in der lokalen Tech-Szene herum. 2007 gründete er das Blog Silicon Florist und schuf damit die erste richtige Plattform für die Startups der Stadt. Aufgrund der grünen Lage der Stadt bezeichnet sich die Community als “Silicon Forest”.

rick

“Wir wollen Menschen glücklich machen”, fasst der Blogger den Spirit des Silicon Forests zusammen. Die meisten Startups hier bauen technische Plattformen oder Industrie-Dienstleistungen, jedoch kaum konsumentenorientierte Services, erklärt Turoczy. Zu den bekanntesten zählt Puppet Labs, ein Anbieter von Automatisierungssoftware. Ein weiteres Aushängeschild: Urban Airship, ein junges Unternehmen, das Komponenten für Mobile Apps entwickelt.

Letzteres ist in Turoczys Inkubatorprogramm herangewachsen. PIE steht für Portland Incubator Experiment, initiiert wurde es von der Werbeagentur Wieden & Kennedy. “Die Innovationsabteilung hatte die Idee, die lokale Startup-Community zu fördern. Mittlerweile bekommen wir sogar Bewerbungen aus Europa”, so der Leiter des Inkubators.

Niedrige Lebenskosten locken Talente

Was sich im Silicon Valley abspielt, beobachtet Turoczy zwar, lässt sich davon jedoch nicht ablenken. “Anfangs haben wir versucht, das nächste Silicon Valley zu sein. Aber jetzt wissen wir, dass wir unsere eigene Community haben. Jeder kennt hier jeden.” Ein Trend, den der PIE-Manager mitverfolgt: Die gute Infrastruktur und niedrigen Wohnkosten ziehen immer mehr Menschen aus der Bay Area an. “Viele arbeiten von hier aus für Unternehmen im Valley. San Francisco ist ja auch nur eine Flugstunde entfernt.” Was der Tech-Industrie hier jedoch abgehe, ist das Risikokapital: “Wir haben zwar Angel-Investoren, aber keine großen VC-Firmen hier”, berichtet Turoczy. VCs kommen vor allem aus Seattle zu Besuch. Ein Vorzeige-Beispiel in Sachen Investment ist das hier ansässige Startup Simple: Die Online-Bank wurde im Februar von der argentinischen Banco Bilbao Vizcaya Argentaria übernommen.

“Portland ist die unkommerziellste Stadt der USA”, betont Journalist Alex Williams, mit dem ich mich am Rande der Branchenkonferenz Monitorama treffe. Nike und Intel sind die wenigen Großunternehmen, die sich hier angesiedelt habe. Dies spiegelt sich laut Williams auch in der Mentalität der Bewohner wider: “Hier herrscht eine Ungezwungenheit, mehr Unabhängigkeit als in San Francisco. Die Leute hier denken anders.” Open Source-Technologien stehen hier an erster Stelle, so der Reporter und ergänzt: “Die Entwickler graben tiefer in den Daten”.

Datenfutter für Entwickler

Genau deshalb hat der ehemalige TechCrunch-Autor vor wenigen Wochen sein eigenes Portal gelauncht. The New Stack will in Zukunft Datenjournalismus für die Entwickler-Community anbieten. Das Online-Magazin habe sich beinahe zufällig ergeben, weil sich ein Unternehmen als Sponsor anbot, erklärt Williams. Mittlerweile konnte er mehrere Partner gewinnen und sieht das Medium als “Zehn-Jahres-Projekt.”

Jeder kennt jeden – das wird mir selbst bewusst, als ich Williams nur wenige Stunden später wieder über den Weg  laufe. Die Bescheidenheit der Portlandians merkt auch Ozge, die aus Kanada zur Monitorama angereist ist, um  Kunden für ihr Startup zu finden: ” Denen kann man nichts verkaufen, die sind zu sehr damit beschäftigt, coole Technologien zu bauen.”

Wie real ist Portlandia? Das habe ich den drei Tagen erlebt.

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About Author

Berichtet als freie Silicon Valley-Korrespondentin über Technologie und Wirtschaft und betreibt seit 2014 das Portal Fillmore.

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